Familien brauchen eine stärkere Lobby
Familien stehen unter Druck: steigende Lebenshaltungskosten, ein angespannter Arbeitsmarkt, fehlender bezahlbarer Wohnraum, ein Betreuungssystem am Limit und eine wachsende gesellschaftliche Polarisierung. Gerade in dieser Lage plant die Bundesregierung weitreichende Kürzungen bei sozialen Leistungen – ein Signal, das die Freie Wohlfahrtspflege Bayern mit großer Sorge betrachtet.
„Die vorgeschlagenen Kürzungen sind keine abstrakten Ausgabenpositionen. Es geht um Kinder, die ohne Schulbegleitung ihr Recht auf Bildung nicht wahrnehmen können. Um Alleinerziehende, die auf den Unterhaltsvorschuss angewiesen sind. Um Menschen mit Behinderungen, die Assistenz benötigen, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben,“ verdeutlichte Margit Berndl, Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege, in ihrem Grußwort zu Beginn des Fachtags.
Kürzungen treffen die Schwächsten
Derzeit werden auf Bundesebene weitreichende Kürzungs- und Einsparvorschläge in der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eingliederungshilfe diskutiert. Konkret drohen Einschnitte beim Unterhaltsvorschuss – einer der wichtigsten Leistungen für Alleinerziehende – sowie bei der Eingliederungshilfe, die Menschen mit Behinderungen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht.
Mehr als 40 Prozent der Haushalte von Alleinerziehenden sind von Armut betroffen oder bedroht. Diese Menschen – in der Mehrzahl Frauen – tragen Erziehungs- und Sorgearbeit allein und stehen gleichzeitig vor strukturellen Hürden. Wer ausgerechnet hier kürzt, trifft die finanziell Schwächsten und sendet ein fatales Signal: Wer Hilfe am nötigsten braucht, bekommt sie am wenigsten.
Superdiverse Kindheiten – Herausforderung für die Praxis
Den inhaltlichen Rahmen des Fachtags bildete das Konzept der „superdiversen Kindheiten“, das Nora Jehles von der TU Dortmund in ihrem Eröffnungsbeitrag vorstellte. Es beschreibt, wie Kinder heute in einer Gesellschaft aufwachsen, die nicht nur multikulturell, sondern in ihrer Vielfalt qualitativ neu ist: unterschiedliche Familienformen, Sprachen, soziale Lagen, Migrationsgeschichten, körperliche und kognitive Voraussetzungen prägen Kindheiten auf eine Weise, die über klassische Kategorien deutlich hinausgehen.
Die zentrale Frage des Fachtags lautete: Wie müssen sich Institutionen – Kitas, Schulen, Angebote der Jugendsozialarbeit – verändern, um dieser Vielfalt gerecht zu werden? Was braucht es in der Fachpraxis und in der Steuerung durch Politik und Kommunen, damit alle Kinder gesund aufwachsen und ihrem Bedarf entsprechend gefördert werden können?
Familien sind das Fundament unserer Gesellschaft
„Man kann es nicht oft genug wiederholen: Familien sind kein Kostenfaktor. Familien sind das Fundament unserer Gesellschaft“, resümierte Sandra Schuhman, Vorstandsvorsitzende der eaf bayern. „Daher ist es unabdingbar, sie zu unterstützen.“
Die Freie Wohlfahrtspflege Bayern und der Familienverband appellieren darum gemeinsam an die Bayerische Staatsregierung, ihre Gestaltungsmöglichkeiten zu nutzen und dafür einzutreten, dass die Kürzungsvorschläge nicht allein unter Haushaltsgesichtspunkten bewertet werden, sondern auch mit Blick auf ihre konkreten Folgen für die betroffenen Menschen:
- Keine Kürzungen beim Unterhaltsvorschuss und bei der Eingliederungshilfe
- Sorgfältige fachliche Folgenabschätzung aller Sparvorschläge vor politischen Entscheidungen
- Beteiligung der betroffenen Menschen sowie der Träger und Dienste an den weiteren Beratungen
- Investitionen in bezahlbaren Wohnraum, verlässliche Kinderbetreuung und niedrigschwellige Familienunterstützung
- Anpassung von Kitas, Schulen und Jugendhilfe an die Realität „superdiverser“ Kindheiten – durch ausreichend Fachkräfte, inklusive Konzepte und bedarfsgerechte Finanzierung
In der Freien Wohlfahrtspflege Bayern sind das Bayerisches Rotes Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt, der Landes-Caritasverband Bayern, die Diakonie Bayern, der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und der Paritätische Wohlfahrtsverband Bayern organisiert. Gemeinsam erbringen die Verbände rund 75% aller sozialen Dienstleistungen in Bayern. Als Verband unterstützt die Freie Wohlfahrtspflege Bayern ihre Mitglieder durch Koordination und Absprachen bei der Realisierung von Zielen, mit denen sie ihren Beitrag dazu leisten, Bayern sozial zu gestalten.
