„Ohne bessere Rahmenbedingungen bleibt inklusiver Ganztag ein leeres Versprechen“

Freie Wohlfahrtspflege Bayern zieht Bilanz ihrer Aktionstage „Gemeinsam wachsen – Inklusiver Ganztag für ALLE Kinder"

München, 24. Februar 2026 – In wenigen Monaten wird der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung für Grundschulkinder Wirklichkeit – ein Meilenstein für Familien in Bayern. Doch wie gut ist der Freistaat darauf vorbereitet, dieses Versprechen auch inklusiv einzulösen? Die Freie Wohlfahrtspflege Bayern hat in den vergangenen Monaten genau hingeschaut: Im Rahmen ihrer Aktionstage „Gemeinsam wachsen – Inklusiver Ganztag für ALLE Kinder“ luden die sechs Spitzenverbände gemeinsam mit dem Lebenshilfe-Landesverband Bayern von Dezember 2025 bis März 2026 Politikerinnen und Politiker in Ganztagseinrichtungen im gesamten Freistaat ein. Bei einer digitalen Abschlussveranstaltung wurden heute die Ergebnisse vorgestellt.

„Was braucht ein Kind, um gut aufzuwachsen? Zuwendung, Sicherheit, Förderung – und die Gewissheit, dazuzugehören. Genau darum gehe es beim inklusiven Ganztag: um das Recht jedes Kindes auf Teilhabe, unabhängig von Herkunft, Fähigkeiten oder Lebenssituation“, sagte die Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege Bayern, Margit Berndl, zur Eröffnung. 

Die Besuche in den Einrichtungen hätten ein differenziertes Bild ergeben, so Berndl. Überall treffe man auf engagiertes Personal und Träger, die Tag für Tag Beachtliches leisteten. Gleichzeitig werde deutlich, dass ein Rechtsanspruch allein noch keine Qualität schaffe. „Qualität ohne Inklusion greift zu kurz. Ohne mehr Personal, mehr Qualifikation, mehr Barrierefreiheit und mehr finanzielle Mittel bleibt inklusiver Ganztag ein Versprechen, das wir nicht einlösen können. Er ist kein Luxus – er ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Was das konkret bedeutet, wurde in den Berichten aus der Praxis greifbar. Emine Karatay arbeitet in einer Mittagsbetreuung in München. Sie betreut dort auch Kinder mit Autismus und ADHS – ohne pädagogische Ausbildung, wie viele ihrer Kolleginnen. „Wir wollen das Beste für die Kinder, aber in großen Gruppen und ohne fachliche Unterstützung stoßen wir an unsere Grenzen“, berichtete Karatay. Manche Kolleginnen reduzierten bereits ihre Stunden, andere hörten ganz auf. Sie forderte kleinere Gruppen, größere Räume und professionelle Unterstützung bei herausfordernden Kindern.

Auch aus der Landespolitik kamen deutliche Worte. Doris Rauscher, MdL und Vorsitzende des Ausschusses für Arbeit und Soziales, Jugend und Familie im Bayerischen Landtag, machte deutlich, dass der Rechtsanspruch für alle Kinder gilt: „Der Rechtsanspruch ab dem Sommer darf kein Anspruch mit Ausnahmen sein. Kinder mit besonderem Förderbedarf müssen in der Ganztagsbetreuung von qualifiziertem Personal begleitet werden – darauf haben sie ein Recht und genau so muss der Rechtsanspruch auch umgesetzt werden, auch in der OGTS, in der Mittags- und Ferienbetreuung. Nur so werden wir den Kindern in ihrem Entwicklungsbedarf gerecht.“

Einen anderen Blickwinkel brachte Georg Weigl, Bürgermeister von Tuntenhausen, ein. Für die Kommunen sei vor allem die praktische Umsetzung eine Herausforderung: „Die Kommunen benötigen vor allem finanzielle Unterstützung für die notwendigen Umbau- bzw. Erweiterungsmaßnahmen. Die Richtlinien müssen einfacher dargestellt werden, um die Flexibilität der Kommunen bei der Realisierung zu gewährleisten.“

Der CSU-Landtagsabgeordnete Björn Jungbauer sieht Bayern auf einem guten Weg: „Die Aktionstage haben eindrucksvoll gezeigt, wie engagiert Fachkräfte in Bayern daran arbeiten, jedem Kind ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen. Inklusion gelingt dann am besten, wenn die Kinder und ihre Familien echte Wahlmöglichkeiten haben und zugleich auf verlässliche Unterstützungssysteme zurückgreifen können. Wir setzen unseren Weg fort, der Sonderpädagogik und inklusiven Angeboten breiten Raum zu geben und trotz herausfordernder Personalgewinnung die dafür notwendige personelle Unterstützung sicherzustellen.“

Die Freie Wohlfahrtspflege Bayern leitet aus den Aktionstagen einen umfassenden Forderungskatalog ab. Notwendig sei eine deutliche Erhöhung der Landesmittel für refinanzierte Zeiten für konzeptionelle Arbeit, multiprofessionelle Teams mit (heil-)pädagogischen Fachkräften, verpflichtende Fortbildungen für Betreuungskräfte sowie eine bedarfsgerechte Bewilligung von Schul- und Individualbegleitungen. Inklusion müsse strukturell in allen Ganztagsangeboten verankert werden – nicht als Zusatzaufgabe, sondern als Grundprinzip.

 

In der Freien Wohlfahrtspflege Bayern sind das Bayerisches Rotes Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt, der Landes-Caritasverband Bayern, die Diakonie Bayern, der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und der Paritätische Wohlfahrtsverband Bayern organisiert. Gemeinsam erbringen die Verbände rund 75% aller sozialen Dienstleistungen in Bayern. Als Verband unterstützt die Freie Wohlfahrtspflege Bayern ihre Mitglieder durch Koordination und Absprachen bei der Realisierung von Zielen, mit denen sie ihren Beitrag dazu leisten, Bayern sozial zu gestalten.